19.10.2011 - 12:07 Uhr | Quelle: fH | Autor: DB | Seite: 1

Die Gewichtung von Kleinigkeiten

- Björn Meyer ist bekannt wie ein bunter Hund auf Hamburgs Amateurfußballplätzen. Stets gut gelaunt und den Notizblock jederzeit griffbereit ist der 18-Jährige ein Unikum auf den Sportanlagen der Hansestadt. Das Porträt eines Mannes, der sein Schicksal meistert wie kein Zweiter.

Der U- und S-Bahnhof Jungfernstieg ist täglich Knotenpunkt für tausende Fahrgäste. Weiträumig, hell und fortschrittlich kommt der unterirdische Bahnhofskomplex im Herzen Hamburgs daher.

Mondän gelegen an der Alster hat die Haltestelle in den letzten Jahrzehnten stetig an Bedeutung für den öffentlichen Nahverkehr dazugewonnen. Die Eröffnung des sich gerade im Bau befindlichen Anschlusses zur neuen U-Bahnlinie 4, die direkt in die prestigeträchtige Hafen City führt, wird diese Entwicklung noch einmal fördern.

Viel Geld ist hier in die Hand genommen worden, um vielleicht nicht so ein schillerndes Bauvorhaben wie das umstrittene Bauprojekt „Stuttgart 21“ zu realisieren, aber doch um einen Ort zu schaffen, der den Anforderungen der mobilen Großstädter gerecht werden soll. Kurze Wege, schnelle Anbindungen – was für die meisten Fahrgäste am Jungfernstieg schon heute Realität ist, verkommt für Björn Meyer zur Farce.

Der 18-Jährige leidet am kaudalen Regressionssyndrom, das unter anderem eine Fehlstellung der Hüfte mit sich zieht, und sitzt seit seiner frühsten Kindheit im Rollstuhl. Einschränken lässt er sich in seinem Alltag deswegen nicht.

Im Gegenteil. Björn ist leidenschaftlicher Fußballfan, besucht an einem normalen Wochenende bis zu acht Livebegegnungen im Amateurbereich. „Logistisch ist das nicht immer ganz einfach. Wege und Zeiten müssen abgestimmt werden“, berichtet der Gesamtschüler, der in Eimsbüttel beheimatet ist und seine Faszination zu den Livespielen im „Umfeld und die Kontakte zu anderen Leuten auf der Anlage“ begründet sieht. „Der Rentner, der auch nach zehn sieglosen Spielen wieder bei Dauerregen und Windböen um 10:45 Uhr bei seinem Verein aufschlägt, tut das aus Liebe zum Spiel, und weil er weiß, dass seine alten Kollegen auf ihn warten; genauso ist das bei mir auch. Es ist natürlich auch mittlerweile schon eine Sache der Gewohnheit.“

Der Umweg als Lösung

Es ist Samstagvormittag. Nach Harburg soll es an diesem Tag gehen, zur Erstrundenpartie des Pokalwettbewerbes zwischen dem HSC und Klub Kosova. Um gen Süden zu gelangen, muss am Jungfernstieg von der U- in die S-Bahn umgestiegen werden. Nur: wie soll das für einen Rollstuhlfahrer gehen, wenn an der Station kein Fahrstuhl hinunter zum S-Bahngleis existiert?
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