04.02.2012 - 09:50 Uhr | Quelle: fH | Autor: Uwe Wetzner | Seite: 1

Heiligengeistfeld: Pestopfer, Polizeikessel und Paadie (Teil I)

- fH-Rückpass: Der Anblick war absonderlich und grotesk, geradezu unwirklich, eine bizarre Szenerie: Eingekesselt von zwei Reihen behelmter Polizeihundertschaften harrte eine fast tausendköpfige Menschenmenge an diesem 8. Juni 1986 seit mehreren Stunden auf der Zufahrt Feldstraße des Millerntors aus. An ihr vorbei strömten die Menschen dem Stadion entgegen: Aufstiegsrunde zur 2. Bundesliga gegen den ASC Schöppingen aus dem Siegerland. Nur wenige blieben stehen, die Fanszene am Millerntor begann sich gerade erst grundlegend von der anderer Klubs zu unterscheiden.

Bereits um zwölf Uhr hatte die Polizei nur einen weiten Abschlag entfernt schlagartig ihre als „Hamburger Kessel“ zu trauriger Berühmtheit gelangte, bis dahin größte Massenfestnahme in der Geschichte der Bundesrepublik durchgeführt. „Gewalttäter“, „polizeibekannte Sympathisanten der RAF“, „Leute aus der Hafenstraße und sogenannte Autonome“, hatte der damalige SPD-Innensenator Rolf Lange in der Menge geortet. Was sich als kompletter Humbug herausstellen sollte. Vielmehr hatten seine Ordnungshüter einen repräsentativen Querschnitt der eher gemäßigten Anti-Atomkraft-Bewegung dingfest gemacht. Der gesamte Polizeieinsatz war später für rechtswidrig erklärt, den Eingekesselten ein Schadensersatz in doppelter der von der Staatsanwaltschaft geforderten Höhe zuerkannt worden, Lange hatte kurz darauf zurücktreten müssen.

Die spontane Demonstration war eine Reaktion auf einen ebenfalls heftig diskutierten Polizeieinsatz tags zuvor im kleinen Örtchen Kleve in der Wilstermarsch. Dort hatte die Polizei den aus mindestens 12.000 Menschen bestehenden hamburgischen Bus- und PKW-Konvoi zur Großdemonstration gegen den Bau des Atomkraftwerks Brokdorf eingekreist. Anschließend hatten Mobile und Sondereinsatzkommandos mutwillig Autos zerstört und tausende von Demonstranten grundlos verprügelt. Glücklicherweise hatte die Ordnungsmacht sich dabei filmen lassen.

Im Laufe der Stunden hatte sich nun eine immer größere Menge um den Kessel herum gesammelt, es kam auf dem gesamten Heiligengeistfeld zu teilweise heftigen Auseinandersetzungen mit der Polizei. Unmittelbar um den Kessel herum, gewissermaßen im Auge des Orkans, herrschte eine angespannte Ruhe. Es spielten sich absurde Szenen ab: So wurde den Eingekesselten von außen über die Polizeiketten hinweg Essen und Getränke zugeworfen. Toiletten durften bis 17 Uhr allerdings nicht benutzt, der Stoffwechsel musste öffentlich erledigt werden. Danach wurden die Demonstranten in Gruppen aufs Klo geführt und wieder in den Kessel zurückgebracht. Bis Mitternacht führte die Polizei ihr illegales Treiben fort.
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