27.01.2012 - 09:25 Uhr | Quelle: fH | Autor: PM | Seite: 3

Obaidullah Karimi – Auf dem Boden geblieben

- Die Zeit vergeht schnell in Obis Wohnung. Er holt nochmal aus, schnappt sich ein weiteres Foto vom Schreibtisch und erzählt weiter: „Hier habe ich das Tor zum 1:2 bei der WM-Quali gegen Syrien ge-macht. Ich wusste gar nicht, was los war, als ich getroffen hatte. Der Schiedsrichter informierte mich und meinte, dass wir beide bald in den Geschichtsbüchern stehen würden. Es war der erste Treffer für Afghanistan in einem WM-Qualifikationsspiel. Ich habe meinem Land etwas ganz Besonderes geben können. Das macht mich bis heute noch stolz.“ Der gleiche Schiedsrichter leitete später bei der WM in Südafrika die Begegnung Deutschland gegen Argentinien. Rawschan Irmatow aus Usbekistan pfiff den 4:0-Sieg für Deutschland. Ich fange bei den Gedanken an zu schmunzeln und finde es überragend, was sich wieder für Fußballgeschichten auftun. Die Fußballwelt ist eben klein.

Ein Europäer macht Platz für neue Talente

Der 1,73 Meter große Obi fühlte sich schon immer mehr als Europäer. Dennoch: Ihn prägten viele Dinge während seiner Nationalmannschaftszeit. Obi ist stolz auf sein Heimatland und bewundert die Menschen, die dort täglich mit Armut und Leid umgehen müssen. „Ich habe zwar meine Wurzeln dort, allerdings könnte ich nicht in Afghanistan leben. Ich bewundere die Menschen und trage auch etwas vom afghanischen Lebensgefühl in mir.“

Mittlerweile habe ich schon mein zweites Wasser ausgetrunken, und es ist draußen dunkel geworden. „2009 war mein letztes Jahr für die Nationalmannschaft. Ich konzentriere mich jetzt wieder sehr auf meine Arbeit und mache Platz für neue Talente. Außerdem muss ich meinem Alter ins Auge sehen“, spaßt Obi hinterher. Der ehemalige Nationalkapitän findet es nicht schlimm, dass in Hamburg sein Alltag voran geht und sein Ruhm hier nicht so hoch ist wie in der fernen Heimat.

Heute spielt er in Landesliga und ist im Team von Coach Frank Pieper. „Ich muss gleich zum Training. Ich mag den Verein, weil er viel Tradition besitzt. Außerdem sind wir gut drauf. Wir stehen auf dem zweiten Tabellenplatz und wollen den Aufstieg“, so Obi ziemlich siegeshungrig.

Es ist Zeit für mich zu gehen. Während ich mir die Jacke anziehe, wünscht Obi mir alles Gute für meinen weiteren Lebensweg. Wir verabschieden uns und schütteln die Hände. Als ich Türe zuziehe und den großen Altbau verlasse, denke ich an Afghanistan. Sicherlich ist es nicht die größte Fußballnation auf der Welt. Allerdings frage ich mich auf dem Heimweg, wie man nur so wie Obaidullah Karimi auf dem Boden bleiben kann? Er hat das erreicht, wovon jeder Fußballer träumt: Einmal für das eigene Land zu spielen.